3. Pauls unendlicher Weg nach Australien.

Get into the car
We’ll be the passenger
We’ll ride through the city tonight
See the city’s ripped backsides
We’ll see the bright and hollow sky
We’ll see the stars that shine so bright
Oh, stars made for us tonightOh, the passenger
How, how he rides
Oh, the passenger
He rides and he rides
He looks through his window
What does he see?


Iggy Pop- The Passanger

„Ich wollte so weit weg wie möglich“

Paul*, ursprünglich aus einem kleinen Ort bei Karlsruhe*, lebt seit 42 Jahren in Mojácar.

Pauls Haus liegt weit außerhalb des Dorfes, mitten in der Pampa, und ist mit dem Auto nur über einen staubigen, sehr kurvigen Weg zu erreichen. Später erfahren wir von Paul, dass der Weg sich bei Regen komplett in Matsch auflöst und man dann für Tage erstmal abgeschnitten ist. „Aber das macht mir nichts, ich habe mir das ja so ausgesucht, so abgeschottet zu wohnen“.

Glücklicherweise regnet es in der Region so gut wie nie, sodass wir nach 20 Minuten gut durchgerüttelt auf seinem Eukalyptus umsäumten Parkplatz stehen.

Paul erwartet uns schon und öffnet uns mit einem großen Lächeln das schwere Tor zu seinem Reich.

So sah das „Haus“ aus, als Paul es kaufte. Es hat sich viel verändert!

Diesmal ist mein Freund mitgekommen, dessen Interesse an den verrückten Geschichten der Wahlmojaqueros deutlich zugenommen hat.

Er führt uns ins Haus in die Küche, wo wir an einem runden, Holztisch Platz nehmen und mit reichlich Wein, Käse und anderen Leckereien bewirtet werden.

Paul ist in Plauderlaune und mir wird schnell klar, dass sich locker eine ganze Trilogie über sein Leben anfertigen ließe. An dem Abend versuchen wir uns aber nur auf seinen Weg nach Mojácar zu fokussieren, der erlebnisreich genug ist und mit dem Entschluss beginnt, in einem alten Mercedes 240D nach Australien zu fahren. Paul war damals gerade 20 geworden, hatte lange Haare und großes Fernweh.
Warum Australien? „Australien war am weitesten von meiner verhassten Heimat entfernt, aus der ich so schnell wie möglich entkommen wollte. Da, wo ich aufgewachsen war, war es zu eng, zu provinziell, zu langweilig. Es kam mir vor, in einem schwarz- weiß- Film gefangen zu sein“, sagt Paul und gießt sich ein neues Glas Weizen ein.

Sein Unterfangen endete um ein Haar schon in Griechenland, als er und sein Kumpel, der für den ersten Teil mitkam, gegen eine Felswand fuhren. Sie hatten offenbar sehr gute Schutzengel, denn ihnen war außer ein paar Schrammen nichts weiter passiert. Das Auto war allerdings Schrott. Im ersten Moment sah es schwer danach aus, dass ihr Australientraum an dieser Stelle ein schnelles Ende finden würde, aber sie hatten ein weiteres Mal Glück und fanden bald einen Mechaniker, der ihnen den Mercedes wieder zusammenschweißte. Die Reise konnte fürs Erste weitergehen.
„In der Türkei wurde ich fast mit der Tochter eines großen Mafia-Bosses verheiratet, aber das ist nochmal eine andere Geschichte“. Er gießt mir Wein nach und fährt fort.

Sein Weg führte weiter in der Iran, nach Afghanistan, Pakistan, durch Indien und endete schließlich in Nepal, wo er den alten, ramponierten Mercedes schließlich für knapp 600 US-Dollar an Mr. Sing, einen kommunistischen Journalisten in Kathmandu verkaufe.
Die Trauer darüber war allerdings schnell verflogen, denn am selben Tag lernte er Anja, eine hübsche Münchnerin kennen. „Da wo eine Tür sich schließt, öffnet sich eine neue“. Mit dem Geld, das er für sein Auto bekam, machten sie sich noch eine gute Zeit in Goa, dann flog er zurück nach Deutschland, um dort endgültig die Zelte abzubrechen. „Die Geschichte mit Anja dauerte leider nicht lange an, aber sie hatte dennoch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf mich gehabt, denn Anja hatte mir von einem Ort namens Mojácar erzählt: einem kleinen Dörfchen irgendwo im Süden Andalusiens. Es klang genau danach, was ich für meine späteren Geschäfte suchte: ein freier, noch wilder Ort, interessante Menschen, versteckte Küsten und unmittelbare Nähe zu Marokko“. Aber auch das, man ahnt es, ist wieder eine andere Geschichte.

Ein Jahr später saß Paul im „Tito´s“ – eines der ersten Beachbars Mojácars- blickte aufs Meer, trank ein kaltes Bier auf Anja und beschloss erstmal zu bleiben. Aus diesem erstmal ist ein halbes Leben geworden.

Ein Jahr später saß Paul im „Tito´s“ – eines der ersten Beachbars Mojácars- blickte aufs Meer, trank ein kaltes Bier auf Anja und beschloss erstmal zu bleiben. Aus diesem erstmal ist ein halbes Leben geworden. Aber nichts hält eben so lang, wie ein Provisorium!

Paul ist, 42 Jahre danach, noch immer nicht in Australien gewesen. Doch, wie so oft, war der Weg bereits das Ziel.


*Name und Ort wurde geändert




*Name und Ort wurde geändert

7 Kommentare zu „3. Pauls unendlicher Weg nach Australien.

  1. Liebe Lea,
    ich würde sofort die Triologie über Pauls Leben lesen!! Hach – dein Blog schürt bei mir großes Fernweh. Ich genieße deine Geschichten sehr! Und fühle mich immer wie ein »Sesselpusper«, der nicht mutig genug ist, die Kontrolle abzugeben, für die süße Unverfügbarkeit des Abenteuers im Gegenzug.
    Hab Dank für die mentalen Miniabenteuer! Viele Grüße, Lisa

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    1. Liebe Lisa, vielen Dank für deinen Kommentar. Es geht mir ehrlicherweise genauso wie dir, wenn ich von all diesen unglaublichen Biografien und Wegen höre. Aber es waren eben andere Zeiten und noch ist ja nichts verloren 😉
      Viele liebe Grüße zurück!

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  2. Liebe Lea,
    was ich an Deinem Blog am meisten mag, ist dass Du Dich auf das Finden und Ankommen des Dorfes beschränkst. Diese unglaublich vielfältigen, verrückten, abenteuerlichen Wege machen sehr viel Spass und reißen mich mit zu diesem herrlichen Dorf, auf das ich immer neugieriger werde 🙂
    Alle irgendwie vereint durch ihre Suche und dem dann zufälligen Findens eines Zuhauses, das nach Freiheit schmeckt.
    Es ist nie zu spät aufzubrechen und immer noch Zeit genug, anzukommen. Gefällt mir sehr!!

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  3. Wie die alten Römer schon sagten: omnes viae Mojacaram ferunt. Alle Wege führen nach Mojácar, auch wenn man einen Umweg über den Himalaja macht. Das Schicksal von Paul und deines Blogs waren vorherbestimmt! 🙂

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  4. Liebe Lea, vielen Dank für diese weitere spannende Episode! Es stimmt schon, es ist nie zu spät aufzubrechen, ich fürchte nur, dass es heutzutage viel teurer ist… 😪 Freue mich schon auf die nächste Lebensgeschichte…
    ¡Muchos saludos!
    Kristin

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  5. Liebe Lea,
    ich mag deine Geschichten über die Wege der Menschen an diesen besonderen Ort sehr. Sie erzählen von Aufbruch ohne Ziel, dem Weg und einem Ankommen, das durch den Zufall bestimmt wurde. Und sie beschreiben eine Zeit, die es so nicht mehr gibt und sind für mich lebendige Geschichte. Bettina

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