8. Antoinette

Ürsprunglich aus Tilburg, die Niederlande
In Mojácar / Turre seit 41 Jahren

Antoinette ist ein besonderer Interview-Gast, auf den ich mich schon lange gefreut habe. Nicht nur, weil sie die Mutter meiner besten Freundin ist, sondern auch, weil ihr Weg von Tilburg, wo sie als Lehrerin tätig war, in den wilden Süden Spaniens, verspricht ein interessanter zu sein.

Zaire und ich sind seit dem ersten Schuljahr in die gleiche Klasse gegangen, später haben wir zusammen in Madrid lange eine WG geteilt und heute sind wir Nachbarinnen in Berlin. Mit kleinen Unterbrechungen waren wir die meiste Zeit unseres Lebens zusammen und so ist es nur logisch, dass wir unsere Familiengeschichten schon ganz gut kennen. Trotzdem bin ich total gespannt auf die persönlichen Schilderungen Antoinettes und bin froh, dass sie sich bereit erklärt, mir einen kleinen Einblick in ihre Memoiren zu gewähren.

Antoinette sitzt schon auf der Terrasse. Sie sieht aus wie immer, trägt ein schönes Jeanshemd, das ich auch tragen würde und bietet mir in ihrem noch immer erstaunlich guten Deutsch ein Bierchen an. Ich nehme es dankend an und setze mich zu ihr an den großen Holztisch.

Nachdem wir erstmal ein wenig plaudern uns auf den neusten Stand gebracht haben, kommen wir zu der Frage, wie sie das erste Mal von Mojácar erfuhr.

Die älteste mit Landrover im Hintergrund

“ Unser eigentliches Ziel war es mit einem umgebauten Postauto aus England nach Marokko zu fahren. Wir suchten das Abenteuer, die Freiheit und das Neue, Unbekannte. Dann gab aber der Motor kurz vor der Überfahrt den Geist auf und wir strandeten über Umwege, in Mojácar, weil uns auf einem Campingplatz dieser Ort als ciudad sin ley, also Stadt ohne Gesetz empfohlen wurde und wir natürlich neugierig waren, was es damit auf sich hatte.“


Da es schwer war, so alte Ersatzteile aus England zu bekommen, brachten sie ihren Bus schweren Herzens zum Schrottplatz und kauften stattdessen ein Grundstück in dem ca. 17 km entfernten Vera, wo sie den Plan hatten, ein großes Haus für eine sehr große Familie zu bauen. Drei Kinder gab es damals schon, Zaire sollte 10 Jahre danach, die zehnte und letzte werden.
Aber damals kaufte man nicht einfach so ein Grundstück. Man brauchte Kontakte, musste sich durchfragen und… manchmal Ziegen als Hunde ausgeben.
Als die ersten zwei Schritte vollzogen waren, stellte sich heraus, dass der Mann, dem sie das Grundstück abkaufen wollten, Ziegenhirte war und dieser liebend gerne seine Herde mit anderen, zu dem Zeitpunkt in Spanien sehr schwierig zu bekommende Rassen erweitern wollte. Die Lösung? Antoinette und ihr Mann fanden in Holland einen tollen Ziegenbock, den eine kulante Tierärztin in den Papieren geschwind zum Hund machte, damit es an der Grenze keine Probleme gab und dank fehlender Englischkenntnisse der Grenzwächter ohnehin reibungslos funktionierte. Und so kam es, dass wenige Wochen später, ein meckernder Hund die Vielfalt unter den regionalen Ziegen erweiterte und das junge Paar bald glückliche Besitzer eines Grundstücks in Vera wurden.

Doch nach einigen Komplikationen, wurde das Hausprojekt in Vera gestoppt und sie zogen nach Mojácar, wo die Kinder in die Schule gehen konnten und sie andere “Aussteigermütter” kennenlernte, unter anderem auch meine Mutter.

Eine Reise nach Marokko gelang ihnen dennoch, diesmal mit einem amerikanischen Militärwagen, wo der handwerklich sehr begabte Vater sogar Hochbetten für die Kinder installiert hatte!

Antoinette, Henrique mit Kindern



Leider starb ihr Mann ein knappes Jahr nach Zaires Geburt. Es folgte eine schwierige Zeit, die sie aber alle dank gemeinsamer und gegenseitiger Unterstützung (die älteren Kinder halfen bei der Erziehung der jüngeren) gut überstanden.
So vergingen die Jahre, die Kinder wurden erwachsen, gingen ihre eigenen Wege, gründeten selbst Familien. Einige blieben, andere zogen weiter, nach Berlin, die Schweiz oder Neuseeland.

Heute ist Antoinette noch immer stolzes Oberhaupt der Familie, mittlerweile Großmutter von 23 Enkelkindern (und deren Geburtstage nicht immer leicht zu merken sind) und lebt ein ruhiges, gemütliches Leben in Turre, einem kleinen Nachbardörfchen, wo sie jeder kennt, grüßt und beim Einkauf hilft

4 Kommentare zu „8. Antoinette

  1. Herrlich, die Geschichte vom Ziegenhund! Was sich die Grenzer wohl dabei gedacht haben … Und Wahnsinn, dass diese junge Familie mit drei Kindern ausgestiegen ist und schließlich doch noch nach Marokko gereist ist.
    Bei jeder von dir porträtierten Person denke ich, dass ich eigentlich noch viel mehr ihrer Geschichten hören möchte … Vielleicht ein Buchprojekt? Ich würde es verschlingen!
    LG Katharina

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  2. Liebe Lea, ich würde dieses Buch auch liebend gerne lesen! Es ist so spannend, dir zu folgen. Vielleicht holt es mich gerade auch besonders ab, weil es sonst keine Möglichkeit gibt, mal auszubrechen. Deine Beiträge bringen mich zum Träumen und erinnern mich an meine eigene Zeit in Spanien, die nicht immer einfach war, aber zumindest abenteuerlich. Liebe Grüße, Carolin

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  3. Diese Geschichte rührt mich besonders. Ich frage mich gerade selbst wieso. Da ist so alles drin. Was für ein Ort, der auf kleinem Raum solch wunderbare Lebensgeschichten bündelt.

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